Stuhlhalteschwäche (Stuhlinkontinenz) ist ein häufig auftretendes Problem, das circa 20 Prozent der Erwachsenen betrifft und keineswegs nur alte Menschen. Da sich viele Betroffene aus Schamgefühl keiner ärztlichen Behandlung unterziehen, können die Beschwerden der Stuhlinkontinenz das soziale Leben und die Lebensqualität erheblich einschränken. Patienten sollten sich jedoch nicht lange mit dem Problem quälen, da die Behandlungsmethoden heute sehr effizient sind.
Die Klinik für Allgemein- und Viszeralchirurgie ist Teil des zertifizierten Kontinenz- und Beckenbodenzentrums Essen-Ruhr.
Definition
Als Stuhlinkontinenz bezeichnet man die Unfähigkeit, Darmgase, flüssigen oder geformten Stuhl zu halten oder kontrolliert abzusetzen. Hier wird zwischen drei Schweregraden unterschieden:
- Schweregrad 1: unwillkürlicher Abgang von Luft oder Schleim
- Schweregerad 2: Unfähigkeit, flüssigen Stuhl zu halten
- Schweregrad 3: Unfähigkeit, festen Stuhl zu halten
Ursachen
Es gibt verschiedene Ursachen für die Stuhlinkontinenz. Die Fähigkeit, den Stuhl zu halten und willentlich zu entleeren ist ziemlich komplex. Daran beteiligt sind das Schließmuskelsystem, der Beckenboden, das Nervensystem sowie der Mast- und Dickdarm.
Tritt in einem oder mehreren dieser Systeme eine Störung auf, kann das zur Inkontinenz führen. Mögliche Ursachen können die Einnahme von Medikamenten sein, Stoffwechselerkrankungen, vorausgegangene Operationen oder Bestrahlungen im Afterbereich, Dammbereich, am Enddarm oder an der Prostata, Entzündungen im Enddarm-/ Afterbereich oder am Dickdarm oder aber Hämorrhoiden, Mastdarmvorfall oder Schließmuskelverletzungen.
Untersuchungen
Grundlage der Diagnosestellung ist ein ausführliches Gespräch über die Beschwerdesymptomatik. Neben der Betrachtung des Afters (Inspektion) und Austastung des Enddarmes mit dem Finger (Palpation) erfolgt routinemäßig eine schmerzlose Afterspiegelung (Proktoskopie). Ein Ultraschall des Schließmuskels, eine Röntgenuntersuchung oder gegebenenfalls eine Darmspiegelung können die Untersuchung ergänzen. Zusätzlich sollten Fragebögen ausgefüllt werden, die nach Auswertung eine detaillierte Darstellung der Beschwerden aufweisen können.
Therapie bei Stuhlinkontinenz
Ergibt sich nach Durchführung der oben genannten Untersuchungen keine behandelbare Ursache für die Inkontinenz, gibt es zahlreiche Maßnahmen zur Beschwerdelinderung. Im Vordergrund stehen dabei das Eindicken des Stuhles, Maßnahmen in der Ernährungsumstellung und gezieltes Beckenbodentraining, beziehungsweise Beckenbodenstimulation.
Findet sich hingegen eine Ursache für die Stuhlinkontinenz, so kann diese mit großer Wahrscheinlichkeit durch folgende operative Eingriffe beseitigt werden:
- Reparatur von Schäden des Schließmuskels, wie bei Schließmuskelschäden nach Dammschnitt
- Raffung oder Entfernung von Mastdarmanteilen bei einem Mastdarmvorfall, Hämorrhoidenoperation
- Entfernung von Dickdarm durch Bauchspiegelung (Resektionsrektopexie)
- Einsetzen eines künstlichen Schließmuskels
- Sakrale Nervenstimulation (Nervenschrittmacher für den Schließmuskel)
Sakrale Nervenmodulation/-stimulation (SNS)
Bei schwerer Stuhlinkontinenz, die sich nach Ausschöpfen nicht-operativer (konservativer) Maßnahmen nicht verbessert, stellt die sogenannte Sakrale Nervenmodulation oder -stimulation (SNS) eine hoch effiziente Maßnahme zur Wiedererlangung der Kontinenzfähigkeit dar.
Das Prinzip dieser Methode liegt in der Abgabe elektrischer Impulse an die Nerven im Beckenbereich über ein dünnes Elektrodenkabel, wodurch es durch eine komplexe Rückkoppelung mit dem Gehirn zu einer Verbesserung der Funktion des Mastdarmes, der Schließmuskulatur und der Harnblase kommt. Deswegen kann die Methode ebenso auch bei schwerer Harninkontinenz eingesetzt werden. In einem ersten Eingriff wird dazu ein kleiner Schnitt im unteren Rückenbereich gesetzt, durch den die Elektrode in unmittelbarer Nähe zu den Nerven platziert wird. Es erfolgt anschließend über einen weiteren kleinen Schnitt oberhalb des Gesäßes die Verbindung mit einem Schrittmacher nach außen und die Aktivierung des Gerätes für circa 14 Tage. Sollte es dann zur Verbesserung der Inkontinenzbeschwerden kommen, wird der Schrittmacher für mindestens eine Woche abgestellt. Dann sollte die ursprüngliche Problematik der Inkontinenz wieder auftreten, da die Nerven nicht mehr angeregt werden (Ausschluss eines Placeboeffektes). Ist dies der Fall, wird durch eine zweite kleine Operation der endgültige Schrittmacher angeschlossen und unter der Haut versteckt. Im weiteren Verlauf finden regelmäßige Kontrollen der Funktionsfähigkeit und der Einstellungen des Schrittmachers statt. Ein Batteriewechsel ist erst nach ca. 8 Jahren erforderlich.